Daniel Zöllner
Über das Berufsethos des Lektors
Wie jeder Beruf hat auch der Beruf des Lektors ein eigenes Berufsethos.
Je nachdem, welchen Beruf man ausübt, ist die Aufgabe des eigenen Lebens unterschiedlich, denn jeder Beruf verkörpert und verwirklicht ein bestimmtes Spektrum an ethischen Werten. Das Wertespektrum des Handwerkers ist z. B. ganz anders geartet als das des Managers, und doch haben beide Berufe ein eigenes Ethos, sodass diejenigen, die diesen Beruf ausüben, ihn gut oder schlecht machen können.
Das gilt auch für den Beruf des Lektors. Welche ethischen Werte sollten hier verwirklicht werden?
An erster Stelle muss gesagt werden, dass das Lektorat eine dienende Tätigkeit ist. Sie fordert vom Lektor, dass er sich zurücknimmt, um den von ihm lektorierten Text in seinen eigenen Werten, in dem, was ihn auszeichnet und was er meint, zum Strahlen zu bringen. (Etwas ganz Ähnliches fordert übrigens der Beruf des Übersetzers von dem, der ihn ausübt. In beiden Fällen ist eine gewisse Treue zum vorgegebenen Text unentbehrlich.) Dienen ist nicht möglich ohne ein Mindestmaß an Dienstbereitschaft, mit einem anderen Wort: Demut. Wer sich selbst immer in den Vordergrund stellen muss, sollte vielleicht nicht den dienenden Beruf des Lektors wählen.
Neben Treue und Demut fordert der Beruf des Lektors natürlich die Tugenden der Sauberkeit und der Gewissenhaftigkeit. Während die Sauberkeit vermutlich selbst nur eine dienende Rolle im Kosmos der Tugenden einnimmt, ist die Gewissenhaftigkeit zentral: Man kann schludrig, unaufmerksam, oberflächlich lektorieren oder eben gewissenhaft und aufmerksam. Es kann sein, dass ein schludriges und unaufmerksames Lektorat eine Zeitersparnis bedeutet und so auch einen höheren Stundenlohn ermöglicht – und es soll nicht bestritten werden, dass dieser Faktor auch sehr wichtig ist –, aber es verfehlt die ethischen Werte, die ein Lektor verwirklichen sollte.
Treue, Demut, Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit sind zwar ethische Werte, sie dienen im Lektorat aber wiederum einer „Sache“, nämlich dem vom Autor des lektorierten Textes Gemeinten und – meist nur unvollkommen – Gesagten. So muss ein gewissenhafter Lektor immer auch den Dienst an der Sprache und an der durch die Sprache vermittelten Wahrheit tun. Mir scheint sogar, dass das von der Sprache und Wahrheit Geforderte jene Vorgabe bildet, die dem Lektor als wichtigste Richtschnur dienen sollte.
